Jüdisches Berlin II

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Interreligiöse Stadtführungen in Berlin

Individuelle Stadtführungen nach Maß

Sind die Juden an allem schuld? Wie lebt es sich heute als Jude in Berlin? Vor allem in den Berliner Stadtteilen mit hohem muslimischen Migrantenanteil trauen sich viele nicht Hebräisch zu sprechen oder offen eine Kippa zu tragen. Rechter, besonders aber linker Antisemitismus werden in unserer Gesellschaft bis in die demokratischen Parteien hinein toleriert und gerne heruntergespielt. Der Glaube ist ein sehr intimer Teil in der Persönlichkeit eines jeden Menschen. Berlin bietet die einzigartige Möglichkeit, verschiedene religiöse Richtungen kennenzulernen und ihre unterschiedlichen Ausprägungen. Lernen wir gemeinsam die Menschen hinter den Religionen kennen, wie und warum sie so glauben und denken.

Der Stadtnavigator Berlin arbeitet für Sie individuell Stadtführungen nach Ihren Themen aus. Der Preis variiert natürlich durch den benötigten Arbeitsaufwand. Fragen Sie unverbindlich nach. Nutzen Sie einfach dafür das Kontaktformular oder schreiben Sie an Info@Stadtnavigator-Berlin.de.

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Berlin-Dahlem, ehem. Kaiser-Wilhelm-Institut „für  Rassekunde“

Berlin-Dahlem, ehem. Kaiser-Wilhelm-Institut „für Rassekunde“

(Fortsetzung von Jüdisches Berlin I)

Weimarer Republik

Rechtlich brachte die Weimarer Republik eine Reihe von Verbesserungen. Alle Berufszweige und Schulen standen Juden nun offen, und die jüdischen Gemeinden wurden zu Körperschaften des öffentlichen Rechtes. Jedoch der völkisch-rassistische Antisemitismus, der im 19. Jahrhundert entstanden war, radikalisierte sich nach dem Ersten Weltkrieg weiter. Gewalt wurde zu einem herausragenden Merkmal des Antisemitismus in der Weimarer Zeit. Gelenkt wurden die antisemitischen Aktivitäten von „vaterländischen“ Politikern, die mit den demokratischen Reformen vom Herbst 1918 einen Teil ihrer Privilegien verloren hatten und nun im Kampf gegen Republik und Demokratie bedenkenlos antisemitische Vorurteile schürten. Es wurde behauptet, die Juden hätten sich während des Kriegs um den Kampf an der Front gedrückt und sich stattdessen durch allerlei dubiose Geschäfte schamlos bereichert. Gleichzeitig galten Juden als Trägergruppe revolutionärer Unruhen schlechthin. Für die rechte Propaganda war es nach Kriegsende nicht schwer, mit Rosa Luxemburg und Karl Radek ostjüdische Revolutionäre als „Sendboten des jüdischen Bolschewismus“ vorzuweisen, die „dauernd  die Massen zum Klassenkampf und Bürgerkrieg“ aufrufen würden. Der Antisemitismus war von einer hemmungslosen Hetze gegen demokratische und linke Politiker der als „verjudet“ geltenden Republik gekennzeichnet. Judenfeindschaft wurde an den Systemsturz gekoppelt. Das Aufkommen judenfeindlicher Gewalt wurde von vielen Deutschen als system-destabilisierend begrüßt. Gewalttätige Aktionen rechtsextremer Gruppen gegen die jüdische Bevölkerung, Boykottkampagnen und Friedhofs- und Synagogenschändungen nahmen zu. Juden wurden für alles verantwortlich gemacht, was einen Großteil der Deutschen traumatisierte: verlorener Krieg und Versailler Vertrag, Revolution, Inflation und soziales Elend.

Als am 23. November 1923 die Brotpreise erhöht wurden, versuchten Arbeitslose in der Gormannstraße eine zusätzliche staatliche Unterstützung zu bekommen. Als dem Amt bereits nach kurzer Zeit das Geld ausging, wurde das Gerücht verbreitet, „die Galizier“ aus dem Scheunenviertel hätten mit ihren Devisen das ganze Geld aufgekauft. Es kam im Scheunenviertel zu Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung (Scheunenviertel-Pogrom) und zu Vandalismus, bei denen sich die Polizei auffällig zurückhielt.

Oranienburg, Gedenkstätte Sachsenhausen

Oranienburg, Gedenkstätte Sachsenhausen

Nationalsozialismus

Staatliche antisemitische Maßnahmen drängten ab 1933 die jüdische Bevölkerung Schritt für Schritt in die gesellschaftliche und rechtliche Isolation.

Nachdem es unmittelbar nach der Regierungsbeteiligung der NSDAP zu antijüdischen Demonstrationen auf dem Kurfürstendamm gekommen war, fand am 1. April 1933 die erste allgemeine, von der NSDAP in aller Öffentlichkeit angekündigte Aktion gegen die jüdische Bevölkerung statt. Es wurde zum Boykott jüdischer Ärzte und Rechtsanwälte aufgerufen – ohne Widerspruch in der Regierung, in der die NSDAP die Mehrheit stellte. Nicht nur in Berlin wurden „wilde“ Konzentrationslager errichtet, noch im selben Jahr entstanden die Konzentrationslager Dachau und Sachsenhausen in Oranienburg. Im April 1933 begann die systematische Verdrängung der Juden aus dem Bildungssystem. Diese Entwicklung war keine unkontrollierte Begleiterscheinung des nationalsozialistischen Staates, sondern bildete einen wesentlichen Bestandteil seiner Ideologie. Denn zwischen 1933 und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden mit über 250 Gesetzen und Verordnungen immer einschneidendere Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung verfügt. Bereits im April 1933 tauchte zum ersten Mal der so genannte „Arierparagraph“ auf, dem ein völlig willkürliches Kriterium der Religionszugehörigkeit zugrunde gelegt wurde. Zweifelsfälle wurden durch „Sachverständige für Rassenforschung“ entschieden. Juden wurden schrittweise aus den gesamten öffentlichen Leben ausgeschlossen. Überraschend kam die Entrechtung eines Teils der deutschen Gesellschaft nicht. Zu welchen Konsequenzen diese Ideologie führen sollte, war in Hitlers „Mein Kampf“ ebenso enthalten wie im Parteiprogramm der NSDAP; sie wurden in zahlreichen parteipolitischen Schriften genauso offen propagiert wie in den Reden der Parteiprominenz lange vor der Übernahme der Staatsgewalt.

Die ideologische Grundlage der antisemitischen Maßnahmen war die nationalsozialistische „Rassenlehre“, die zum „wissenschaftlich beweisbaren Naturgesetz“ erklärt wurde mit der Behauptung, die gesamte Menschheit bestünde aus unterschiedlich wertvollen Rassen. Daraus wurde ein System konstruiert, in dem der „hoch stehenden nordischen Rasse“ alle anderen als grundsätzlich minderwertiger untergeordnet waren. Die niedrigste Stufe dieses Systems wurde den Juden und Roma und Sinti zugewiesen. In dieser menschenverachtenden Einteilung leitete der Nationalsozialismus für sich das uneingeschränkte Recht des „rassisch wertvollen Ariers“ zur Herrschaft über alle anderen Menschen ab. In diesem  „Recht“ eingeschlossen war die Beseitigung aller für „minderwertig“ erklärten Menschen.

Berlin-Charlottenburg, Victoria-Areal, heute mit „Neuem Kranzlereck“, früher mit Haus der jüdischen Organisationen.

Berlin-Charlottenburg, Victoria-Areal, heute mit „Neuem Kranzlereck“, früher mit Haus der jüdischen Organisationen.

In den „Nürnberger Gesetzen“ wurden 1935 alle Juden zu Staatsbürgern minderen Rechtes erklärt. Sie galten fortan nicht mehr als Staatsbürger, sondern nur noch als Staatsangehörige. Ihnen wurden das politische Stimmrecht und die Ausübung öffentlicher Ämter untersagt. Außerdem wurde definiert, wer nach dem Gesetzestext als „Jude“ zu gelten hätte. Im „Reichsbürgergesetz“ wurden „Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen und artverwandten Blutes“ und auch der außereheliche Geschlechtsverkehr unter Strafe gestellt. Verstöße gegen das „Blutschutzgesetz“ galten als schwere Verbrechen und wurden bis hin zur Todesstrafe geahndet.

Unter dem Eindruck des nationalsozialistischen Regimes wurde am 13. April 1933 der „Zentralausschuss für Hilfe und Aufbau“ (ZA) als Selbsthilfeeinrichtung der Juden gegründet, an dessen Spitze der Rabbiner Leo Baeck stand. Vorher noch konkurrierende jüdische Gruppierungen mit unterschiedlichsten Anschauungen wie die liberalen Organisationen, die Zionistische Vereinigung, Agudas Jisroel oder auch der Jüdische Frauenbund schlossen sich unter dem Eindruck des immer stärkeren Staatsterrors zur gemeinsamen Arbeit zusammen. Zunächst standen die berufliche Wiedereingliederung jener Juden, die nach der Machtübernahme durch die NSDAP brotlos geworden waren, im Vordergrund sowie die Sammlung von Spenden im In- und Ausland zu diesem Zweck. Außerdem begann man mit einer Ausbildung in landwirtschaftlichen und handwerklichen Berufen als Vorbereitung zu einer Auswanderung. Am 1. April 1935 ging der ZA in der „Reichsvertretung der deutschen Juden“ (RV) auf. Geschäftsmäßiger Vorsitzender wurde der Ministerialrat a.D. Otto Hirsch aus Stuttgart. Nach den „Nürnberger Gesetzen“ wurde die RV gezwungen, ihren Namen in „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ abzuändern. Neben der Schulverwaltung, der Auswanderung nach Palästina und in andere Länder und der Ausbildung in für die Auswanderung geeigneten Berufen standen die ebenso immer notwendiger werdende Wohlfahrtspflege und Wirtschaftshilfe, aber auch die Unterstützung des Palästinaaufbaus im Vordergrund. Als der RV im März 1938 die Stellung als Körperschaft des öffentlichen Rechtes aberkannt wurde, benannte sie sich in einen „Reichsverband der Juden in Deutschland“ um. Die Amtszeit des Präsidenten Leo Baeck galt unter den Eindrücken des sich immer weiter verstärkenden Terrors jetzt als unbefristet.

Berlin-Charlottenburg, Meinekestraße 10, Palästina-Amt

Berlin-Charlottenburg, Meinekestraße 10, Palästina-Amt

Die Diskriminierung und Einengung der Juden in allen Lebensbereichen wurden vom nationalsozialistischen Regime nun verstärkt vorangetrieben. Es ergingen immer neue Berufsverbote und sie wurden durch die zusätzlichen Vornamen „Israel“ und „Sara“ kenntlich gemacht. Schließlich entzog man ihnen die Reisepässe. Wer einen Reisepass erhielt, musste sich damit dreimal täglich bei der Polizeibehörde melden und riskierte die Einlieferung in ein Konzentrationslager, wenn er nicht in kürzester Zeit ein Auslandsvisum vorweisen konnte. Sie mussten spezielle Kennkarten beantragen („Judenkarte“), die sie im Verkehr mit Behörden immer vorzuzeigen hatten. Im November 1938 erreichte die Entwicklung einen weiteren Höhepunkt.

Das Pogrom vom 9. auf den 10. November 1938 und die folgenden Repressionen, zu denen die völlige Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben, ihre kollektive Verurteilung zur Zahlung einer „Wiedergutmachungsprämie“ von einer Milliarde Reichsmark und schließlich das Verbot der jüdischen Parteien und Organisationen zählten, veränderten die Arbeit der RV entscheidend. So wurde das „Palästina-Amt“ und der „Hilfsverein der Juden in Deutschland“ (ursprünglich „Hilfsorganisation für durchwandernde Juden aus Osteuropa“, gegründet 1901), die als Auswanderungsorganisation noch in das Konzept der Regierungspolitik passten, in den RV eingegliedert. Anfang Februar 1939 wurde die RV zwangsweise in eine „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“ umgewandelt. In dem Stadium der absoluten Ungewissheit übernahmen Leo Baeck und Otto Hirsch, die auf jeden Fall in Deutschland ausharren und die Jüdische Gemeinde nicht allein lassen wollten, die alleinige Leitung der Organisation.

Die „Jewish Agency For Palestine“ war durch Artikel 4 des Palästina-Mandats des Völkerbundes 1922 die als öffentliche Körperschaft anerkannte Vertretung der Juden, die die Palästina-Regierung in wirtschaftlichen und sozialen Fragen beraten und mit ihr zusammenarbeiten sollte. Das Palästina-Amt dehnte sich bald auch auf andere Länder aus und wurde seit 1929 nicht nur von Zionisten, sondern zur Hälfte auch von sonstigen Befürwortern des Palästinaaufbaus unterhalten. Seit 1924 wurde sie als gemeinnützige Auswandererstelle anerkannt. Sie beriet Emigranten und Touristen und besorgte die Einreisevisa. Unter dem Druck der Verhältnisse in der nationalsozialistischen Diktatur konnte das Palästina-Amt zwischen 1933 und 1938 insgesamt 18 262 Personen (etwa ein Drittel aller deutschen Palästina-Auswanderer) bei der Emigration unterstützen und konnte außerdem Zuschüsse für Bahn- und Schiffspassagen besorgen. Es arbeitete eng mit den britischen Behörden zusammen. Ende 1937 gründeten das Palästina-Amt, der für die Emigration in andere Länder zuständige „Hilfsverein der Juden in Deutschland“ und die „Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge“ die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ als Koordinierungsgremium.  Trotz der sich immer mehr verschlimmernden Verfolgung in Deutschland blieben die Grenzen des Auslandes für Flüchtlinge aber weiterhin relativ undurchlässig.

Berlin-Weißensee, Jüdischer Friedhof

Berlin-Weißensee, Jüdischer Friedhof

Nach dem Novemberpogrom wurden alle Betriebe, Grundstücke und Vermögenswerte, die bisher in jüdischem Besitz waren, im Zuge der nun zwangsweise einsetzenden „Arisierung“ enteignet. Das durch die Zwangsverkäufe erhaltene Geld musste auf Sperrkonten deponiert werden. Wertpapiere, Schmuck und Kunstgegenstände durften nur in offiziellen Verkaufsstellen unter tatsächlichem Wert verkauft, Edelsteine mussten abgegeben werden. Juden wurden aus allen wirtschaftlich noch verbliebenen Positionen ausgeschlossen und durften keine öffentlichen Veranstaltungen mehr besuchen. Sie erhielten keine Studienplätze mehr und mussten Führerscheine und Kfz-Zulassungen abgeben. Ab Mai konnten Juden zwangsweise in so genannte Judenhäuser einquartiert werden. Die Arbeit der RV wurde nun im Wesentlichen aus den „Abschiedsspenden“ der Auswandernden finanziert. Die deutschen Behörden trieben die Auswanderung, die nun immer mehr einer überstürzten Flucht glich, heftig voran.

Ohne die Palästina-Auswanderer verließen 1939 rund 60 000 Juden Deutschland. Von den seit 1938 ausgewanderten 12 000 Kindern konnten allein 5 500 durch Vermittlung der RV außer Landes gebracht werden. Der „Jüdische Frauenbund“ spielte dabei eine wesentliche Rolle. Unter dem Eindruck der „Nürnberger Gesetze“ hatte er unter Vorsitz von Hannah Karminski seine feministische Zielrichtung zurückgestellt und unterrichtete Frauen in „Hauswirtschaft“, wofür es im Ausland noch Arbeitsmöglichkeiten gab. Hatte der Jüdische Frauenbund vorher eine Gruppenauswanderung von Minderjährigen ohne ihre Eltern („Jugend-Alijah“) vorher strikt abgelehnt, so begleiteten die Frauen nun zahlreiche Kindertransporte ins Ausland. Die Aufnahme von Kindern aus Deutschland wurde von einigen Staaten, vor allem Großbritannien und den Vereinigten Staaten, als humanitärer Akt betrachtet. Jede Woche fuhr ein Zug mit Kindern aus Berlin ab. 1938 musste sich der Jüdische Frauenbund auflösen, die Arbeit wurde direkt von der RV übernommen. 1942 wurde Hannah Karminski in Auschwitz ermordet.

Berlin-Mitte, Mahnmal für die ermordeten Juden in Europa

Berlin-Mitte, Mahnmal für die ermordeten Juden in Europa

Wegen der Devisenschwierigkeiten war nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges fast nur noch die Ausreise über die USA möglich, wo das „Joint Distribution Committee“ und anderen Helfer die nötigen Mittel zur Verfügung stellten. Der „Hechaluz“, der nun als eine Abteilung der RV arbeitete, führte nun  neben der legalen Auswanderung nach Palästina eine als „Sonderhachscharah“ bezeichnete illegale Ausschleusung über den Donauweg, die Nordseehäfen und über die „grüne Grenze“ über die Niederlande und Belgien durch.

Im Oktober 1941 wurde die Emigration aus Deutschland durch einen Geheimbefehl Himmlers völlig verboten. Von nun an wurde die „Endlösung“, die systematische Ermordung der jüdischen Bevölkerung, durch den Staat praktiziert und die RV zur Mitwirkung an den Deportationen gezwungen.  Otto Hirsch wurde im Frühjahr 1941 in das Konzentrationslager Mauthausen verschleppt und dort ermordet. Im März 1943 wurde Leo Baeck nach Theresienstadt deportiert, er konnte 1945 befreit werden. Im Juli 1943 wurde die Geschäftsstelle der RV von der Gestapo geschlossen und das Vermögen von fast 167 Millionen Reichsmark beschlagnahmt.

Im Jahre 1933 hatten rund 160.000 Juden in Berlin gelebt. Im Jahre 1945 waren 90.000 ausgewandert. Etwa 7 000  waren ums Leben gekommen, viele hatten Selbstmord begangen. Etwa 55.000 Berliner Juden wurden in den Vernichtungslagern ermordet.

Hamburg-Landungsbrücken, Denkplakette für das Haganah-Schiff „Exodus“, 1947

Hamburg-Landungsbrücken, Denkplakette für das Haganah-Schiff „Exodus“, 1947

Neuanfang

Etwa 1 400 Juden hatten den nationalsozialistischen Terror und den Krieg im Untergrund überlebt; 1 900 kehrten als Überlebende nach Berlin zurück. Im Sommer 1945 fanden die ersten Gottesdienste statt.

Bereits in den ersten fünf Jahren nach Kriegsende begannen die Überlebenden damit, die alten Gemeinden wieder aufzubauen. 1946 waren die meisten wieder gegründeten Gemeinden in Landesverbänden zusammengeschlossen. 1948 bestanden in Deutschland wieder über einhundert jüdische Gemeinden, von denen die Mehrzahl nicht einmal fünfzig Mitglieder zählte. Sie leisteten vor allem soziale Hilfe, Fürsorge und Pflege von kranken und alten Menschen, die nicht mehr in der Lage waren auszuwandern, und sie boten ihnen ein religiöses Zentrum. Hinzu kamen überlebende Juden aus Polen. Der bekannteste Auslöser für ihre Flucht war ein Pogrom in der polnischen Stadt Kielce im Juli 1946, bei dem vierzig Überlebende aus den Vernichtungsslagern von Zivilisten getötet und achzig weitere verletzt worden waren. Der Grund für die Ausschreitungen war ein Gerücht über einen angeblichen Ritualmord, der in dem Ort von Juden verübt worden sein sollte.

Die Alliierten betrachteten es vor allem als ihre Pflicht, ihre eigen Landsleute zu befreien und ihnen zu helfen. Die deutschen Juden mussten ihren Weg nach Hause allein antreten. Sie hatten nur das, was sie am eigenen Körper trugen. Sie hatten ihre Familien verloren oder wussten nicht, ob und wenn, wo irgendjemand den nationalsozialistische Terror überlebt hatte. Hilfe bekamen sie zuerst oft nur von den Juden, die sich während des nationalsozialistischen Terrors verstecken konnten. Dann kam eine erste Hilfe vom American Joint in Form von zusätzlichen Nahrungsmitteln und notwendig benötigten Kleidungsstücken.

Im Juli 1950 wurde in Frankfurt/Main der „Zentralrat der Juden in Deutschland“ gegründet, der seitdem die größte Dachorganisation der Landesverbände und dessen Gemeinden bildet. Seit 1999 ist sein Sitz im Leo-Baeck-Haus in der Berliner Tucholskystraße. Ihm gehören heute 23 Landesverbände mit etwas über einhundert Gemeinden an.

Im April 1949 wurde Heinz Galinski zum Ersten Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gewählt, dessen Amt er bis 1992 inne hatte. Von 1954 bis 1963 war er zugleich Präsident des Zentralrates. 1959 wurde auf dem Gelände der 1938 geschändeten und später abgerissenen Synagogenruine in der Charlottenburger Fasanenstraße das Jüdische Gemeindehaus eröffnet.

Bereits 1953 kam es im Zuge des Kalten Krieges und der Spaltung Berlins zur organisatorischen Trennung in eine Ost- und eine West-Gemeinde.

Berlin - Prenzlauer Berg, Synagoge Rykestraße, 10 Gebote

Berlin - Prenzlauer Berg, Synagoge Rykestraße, 10 Gebote

Ost-Berlin

Seit 1942 wurden in der Sowjetunion umfassende Säuberungsaktionen eingeleitet, um die sowjetischen Einrichtungen von der so genannten „jüdischen Dominanz“ zu befreien. Wurde der Antisemitismus vorher als bürgerliches Vorurteil angeprangert, bestimmte er in den folgenden Jahren immer mehr die sowjetische Politik. Im Januar 1948 wurde der Schauspieler Shlomo Michoel, der Vorsitzende des „Jüdischen antifaschistischen Komitees“, von der sowjetischen Geheimpolizei (Tscheka) ermordet. 1952 wurde auf Befehl Stalins die Elite der jiddischen sowjetischen Schriftsteller hingerichtet. 1953 wurden in einem Hassfeldzug des Diktators jüdische Ärzte beschuldigt, in einem geplanten Mordkomplott gegen Stalin verwickelt gewesen zu sein. Nur der Tod Stalins im März 1953 verhinderte in der Sowjetunion ein landesweites Pogrom und die geplante Massendeportation von sowjetischen Juden nach Sibirien.

In Budapest kam es nach dem Ausschluss Jugoslawiens 1948 aus dem „Kominform“ (Kommunistisches Informationsbüro, Reaktion der UdSSR auf den „Marshall-Plan“ der USA) zu Säuberungsaktionen gegen stalinkritische Kommunisten, denen in inszenierten Schauprozessen Spionage für die Vereinigten Staaten vorgeworfen wurde. Auffallend ist, dass unter den zum Tode Verurteilten viele Juden waren. Auch im so genannten Slansky-Prozess in Prag wurden 1952 führende Kommunisten, Mitglieder des Widerstandes gegen Hitler und Überlebende der Konzentrationslager in fingierten Schauprozessen der angeblichen zionistischen Verschwörung angeklagt und viele hingerichtet – weil sie Juden waren.

Auch in der der DDR wurden unter Ulbricht  jüdische Parteimitglieder der SED beschuldigt, Spionage betrieben und „im Dienste des Zionismus und der US-Finanzoligarchie die Ausplünderung Deutschlands ins Werk gesetzt zu haben“. Nur die Furcht vor einer Gleichsetzung mit dem nationalsozialistischen Regime verhinderte schlimmere Exzesse wie in anderen osteuropäischen Staaten. Aufgrund der Repressionen flohen viele Juden aus der DDR in die BRD. Nach dem Tod Stalins endete zwar die offene Diskriminierung, jüdische Gemeinden wurden materiell sogar unterstützt.  Andererseits blieb die Politik der DDR weiterhin antisemitisch und anti-israelisch. So wurden, wie bereits schon 1953, auch 1967 im Zuge des Sechstagekrieges in der DDR so genannte „Judenlisten“ angelegt. Die DDR kritisierte den Selbstverteidigungskrieg Israels nicht nur, sondern lieferte an die arabischen Staaten Waffen. 1969 beschloss die DDR nach Ägypten Piloten zu entsenden, die gegen Israel kämpfen sollten. Sie lieferte 1973 im Jom-Kippur- und 1982 im Libanonkrieg Waffen, und unterstützte außerdem westdeutsche Terroristen in ihrem Kampf gegen Israel. Auch wenn die DDR in den 1980er Jahren allmählich offener wurde, setzte sie ihre „anti-zionistische“ (siehe unten) Propaganda uneingeschränkt fort und schürte weiterhin Vorurteile.

Erst nach dem Fall der Berliner Mauer erkannte die DDR im April 1990 ihre Mitverantwortung für die deutsche Geschichte an und entschuldigte sich für die Diskriminierungen gegenüber den „jüdischen Mitbürgern“ und die DDR-Politik gegenüber dem Staat Israel.

1989 hatte die DDR fünf jüdische Gemeinden mit rund 400 Mitgliedern, davon etwa 250 in Ost-Berlin. 1990 wurden sie in den Zentralrat aufgenommen.

Berlin-Charlottenburg, Jüdisches Gemeindehaus (Fasanenstraße)

Berlin-Charlottenburg, Jüdisches Gemeindehaus (Fasanenstraße)

West Berlin

Als sich der Zentralrat der Juden in Deutschland im Juli 1950 konstituierte, lebten noch etwa 15 000 Juden in Deutschland. Es war überhaupt nicht abzusehen, ob und wie sich ein zukünftiges jüdisches Leben in Deutschland gestalten würde. Die Zahl der Gemeindemitglieder blieb in der BRD bis 1989 mit etwa 26 000 relativ konstant.

Der Antisemitismus blieb auch in der deutschen Nachkriegszeit in der Gesellschaft präsent. Zum Teil drückte er sich in Hakenkreuz-Schmierereien und Parolen wie „Juden raus“ aus. Die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit geschah oft halbherzig oder gar nicht und wurde innerhalb der Gesellschaft als lästig empfunden. Als Ausdruck gesellschaftlicher Unzufriedenheit richteten sich Schändungen von Friedhöfen oder die Zerstörung von Denk- und Mahnmalen in West-Berlin und weiterhin bis heute noch immer gegen Juden. Der organisierte, so genannte rechte Antisemitismus konnte und kann weiterhin alte Vorurteile und nationalsozialistische Behauptungen bemühen, die nationalsozialistischen Verbrechen relativieren, sie für übertrieben erklären oder leugnen. Wie in der Weimarer Republik wurde der Antisemitismus als Provokation dafür benutzt, um die demokratische Gesellschaft  lächerlich zu machen und durch zielgerichtete Aktionen zu destabilisieren. Die Übergänge zum so genannten linken Antisemitismus sind fließend.

Der linke Antisemitismus wurde im Westen vor allem seit den 1960er Jahren populär. Der stalinistische Antisemitismus in den osteuropäischen Staaten und die Schauprozesse gegen Juden wurden in den 1950er Jahren auch von westdeutschen Kommunisten gerechtfertigt. In der Neuen Linken, die sich während der Studentenrevolte von den institutionellen kommunistischen und reform-sozialistischen Richtungen abzugrenzen versuchte, wurde der Begriff des „Zionismus“ populär, der nun im Sinne eines jüdischen Imperialismus gegen die palästinensische Bevölkerung verstanden wurde. Der so bezeichnete Begriff  gelangte spätestens seit den März-Unruhen in Polen (1968) auch in den Westen. Die Bekämpfung dieses „Zionismus“ richtete sich gegen den Staat Israel an sich, dessen Existenzberechtigung stellvertretend für die der Juden grundsätzlich infrage gestellt wurde. Dieser vermischte sich in den 1970er Jahren zum Teil mit dem arabischen Antisemitismus, der seine Wurzeln auch im deutschen Nationalsozialismus hat. Der linke Antisemitismus geht so weit, dass israelische Politiker mit den Nationalsozialisten gleichgesetzt werden und dem Staat Israel die Existenz von einer Massenvernichtungs-Maschinerie gegen die palästinensische Bevölkerung unterstellt wird - wie im nationalsozialistischen Deutschland gegen die Juden. In seiner Geschichtsverfälschung bemüht er durchaus rechte antisemitische Vorurteile von den weltverschwörenden (staatsfeindlichen) Juden und gab ihnen sogar eine Mitschuld am deutschen Nationalsozialismus. Nicht zufällig deckte sich diese Form des Antisemitismus mit der antisemitischen und anti-israelischen Propaganda in den Staaten des Warschauer Paktes (und der DDR). Die Politik und Propaganda der arabischen Staaten, die dortige Situation der Menschenrechte – insbesondere gegenüber den Palästinensern –, wurden in der Neuen Linken genauso wenig diskutiert wie die Rolle der PLO.

Ein Schwerpunkt der Arbeit der Jüdischen Gemeinde in West-Berlin und ihres Vorsitzenden Galinski musste daher in der ständigen Warnung vor antidemokratischen Bestrebungen und in der Aufklärung ihres geistigen Bezugs zum Antisemitismus liegen. Während der Feierstunde am 9. November 1969 wurde in der Garderobe des jüdischen Gemeindehauses in der Fasanenstraße ein Sprengsatz deponiert, dessen Zünder jedoch versagte. Ein Sprengstoffpäckchen, das im August 1975 im Vorzimmer des Vorsitzenden abgefangen wurde, verpuffte im Spezialfahrzeug der Polizei, ohne größeren Schaden anzurichten. Die Anschläge sollten sich gegen die Militärpolitik Israels richten und richteten sich direkt gegen die in Berlin lebenden Juden.

Bis heute müssen jüdische Einrichtungen durch umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen geschützt werden.

Heute

In der auseinander fallenden Sowjetunion rekrutierten sich nationalistische – faschistisch und nationalsozialistisch ausgerichtete – militante Gruppierungen. Eine davon war die 1990 von Alexandr Barkaschov gegründete Bewegung „Russische Nationale Einheit“, die in SA-ähnlichen Uniformen und als Hilfspolizisten auftrat. Unter der Parole „Russland den Russen“ rief sie zu Pogromen und zur Deportation von Juden auf. Ende der 1990er Jahre kam es zu lokalen Aufrufen von Pogromen, denen einige Gouverneure zumindest tatenlos zusahen. Die anfängliche Splittergruppe um Barkaschov wuchs schnell an, und vor allem kommunistische Extremisten und Stalinisten wechselten zu dieser Gruppierung. Die Mitgliederzahl wurde von der Presse inzwischen auf etwa 200 000 geschätzt. Die russische Regierung sah dem Treiben Barkaschovs tatenlos zu, teilweise unterstützte sie den grassierenden Antisemitismus sogar. Als im Mai 1999 in der Nähe von zwei Synagogen Sprengsätze detonierten, wollte die Regierung noch immer keinen antisemitischen Hintergrund feststellen.

In dieser Zeit wurden in verschiedenen Gegenden bereits Synagogen und Friedhöfe geschändet, im Juli wurde ein Sprengsatz in der Moskauer Ljubawitschewski-Synagoge im letzten Augenblick entdeckt und entschärft. Immer wieder waren die Moskauer Synagogen das Ziel von Anschlägen; mitte Juli wurde der Leiter des jüdischen Kulturzentrums in Moskau niedergestochen und schwer verletzt. In den nächsten Jahren gingen die Übergriffe auf Juden und Nicht-Russen unvermindert weiter. Ebenso kam es unter den Augen der Miliz zu Aufmärschen und zur anschließenden Jagd auf Menschen. Auch unter Putin wurde nichts gegen die Umtriebe Barkaschovs unternommen. Immer wieder wurden die Übergriffe von der russischen Regierung heruntergespielt.

Seit dem Ende der Sowjetunion haben über eine Million Juden das Land verlassen, noch immer versuchen Tausende pro Jahr auszuwandern.

Bedingt durch die Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion auch nach Deutschland besteht die vordringlichste Aufgabe des Zentralrates in ihrer Integration in die Gemeinden und in die Gesellschaft. Für diese Aufgabe schloss der Zentralrat 2003 mit der Bundesregierung einen Staatsvertrag. Durch die Zuwanderung hat die Berliner Gemeinde heute rund 12 000 Mitglieder. Innerhalb der Gemeinde bleibt eine Zuwanderung in so großer Zahl nicht ohne Konflikte. So wird manchmal von einem „zu großen Einfluss der osteuropäischen Juden“ oder von der Jüdischen Gemeinde als „bolschewistischer Kulturverein“ gesprochen, weil im Gemeindeparlament inzwischen sieben von zehn Mitgliedern aus Osteuropa stammen.

Schwerin, Synagoge (Neubau), Thoraschrein

Schwerin, Synagoge (Neubau), Thoraschrein

Neben der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gibt es die kleine orthodoxe Gemeinde Adass Jisroel mit etwa eintausend Mitgliedern. Sie bestand in Berlin seit 1869 in Opposition zu den allgemeinen Assimilationstendenzen des 19. Jahrhunderts bis zum Nationalsozialismus. Kurz vor der deutschen Neuvereinigung verfügte die DDR-Regierung fünfzig Jahre nach der Zerstörung der Gemeinde durch die Nationalsozialisten im Dezember 1989 die Wiedereinsetzung der Israelitischen Synagogengemeinde zu Berlin. Seit 1997 ist Adass Jisroel als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Außerdem gibt es mehrere kleinere jüdische Gruppierungen.

Berlin-Mitte, Neue Synagoge

Berlin-Mitte, Neue Synagoge

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