Charlottenburg II

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Historische Stadtführungen in Charlottenburg

Individuelle Stadtführungen nach Maß

Ist Charlottenburg mehr als das alte, spießige und piefige West-Berlin? Der Stadtnavigator Berlin bietet Ihnen spannende und historische Stadtführungen. Wie lebte es sich im alten West-Berlin, wie war es vorher im „Neuen Westen“, und wie ist es in Charlottenburg heute?

Der Stadtnavigator Berlin arbeitet für Sie individuell Stadtführungen nach Ihren Themen aus. Der Preis variiert natürlich durch den benötigten Arbeitsaufwand. Fragen Sie unverbindlich nach. Nutzen Sie einfach dafür das Kontaktformular oder schreiben Sie an Info@Stadtnavigator-Berlin.de.

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Berlin-Charlottenburg, Bahnhof Zoo

Berlin-Charlottenburg, Bahnhof Zoo

Exkursionen in die Berliner Geschichte

(Fortsetzung von Charlottenburg I)

Die Großstadt Charlottenburg

Auch noch zu der Zeit, als der industrielle Wandel das benachbarte Berlin längst erfasst hatte, herrschte in Charlottenburg die Idylle einer Gartenstadt. Bis 1870 änderte sich nichts daran. Charlottenburg hatte sich auch nicht wesentlich über das Gebiet hinaus ausgedehnt, das es schon unter Friedrich Wilhelm I. erreicht hatte.

Dann entwickelte sich die Stadt und stieg in rasantem Tempo von der einstigen Sommerfrische zur Großstadt auf. 1871 war die Bevölkerung auf über 20.000 angewachsen; 1910 lebten mehr als 300.000 Einwohner in Charlottenburg.

Der Wandel Charlottenburgs vollzog sich zunächst im Schatten von Berlin. Schließlich rückte die Stadt zu einem bedeutenden Industriestandort auf mit allen Begleiterscheinungen: Massengesellschaft, dunkle Mietskasernen und Massenarmut. Die Entwicklung hatte bereits mit der Separation eingesetzt, die in Charlottenburg 1823 eingeleitet worden war und um 1850 abgeschlossen wurde. Damit war eine einsetzende Landflucht in die Städte verbunden, außerdem eine enorme Binnenwanderung aus den östlichen Gebieten des 1871 gegründeten Deutschen Reiches auch in die Großstädte.  Bis 1880 blieb der bauliche Charakter der Stadt noch erhalten. Mietskasernen gab es in Charlottenburg nur vereinzelt. Die neue Entwicklung setzte 1882 durch die Eröffnung der Stadtbahn zwischen Berlin und Charlottenburg ein. Berlin platzte bereits aus allen Nähten, und immer mehr Menschen lebten in den Vororten. Von den Bahnhöfen aus sowie von der westlichen und östlichen Peripherie ausgehend kam es zu einer schnellen baulichen Verdichtung in Charlottenburg. Aufgrund des „Bebauungsplans der Umgebungen Berlins“ von James Hobrecht von 1862 und späteren Bauordnungen entstanden in rascher Folge neue Straßen und Plätze, Wohnviertel und Gewerbeeinheiten.

Jetzt galt Westend als ausgesprochen feine Adresse, aber auch das Kielganviertel (nördlich des Nollendorfplatzes) an der Grenze nach Berlin, das sich wegen seiner Lage nahe Berlin zunächst besser entwickelte. Mietskasernen entstanden vor allem in Martinekenfelde nördlich der Spree, westlich davon in Kalowswerder und im Schlossviertel. Die Betriebe Siemens & Halske (am Salzufer), Schering (nördlich der Station Jungfernheide) und Loewe (in Martinekenfelde) hatten sich in Charlottenburg angesiedelt. Darüber hinaus wurde die „Königliche Porzellanmanufaktur” (KPM) nach Charlottenburg verlegt.

Berlin-Charlottenburg, Industriegebiet an der Spree

Berlin-Charlottenburg, Industriegebiet an der Spree

Charlottenburgs Industriearbeiterschaft umfasste zu Beginn des 20. Jahrhunderts etwa zwei Drittel der Gesamtbevölkerung. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen waren elend. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit eines Fabrikarbeiters lag bei 70 Stunden. Wegen der hohen Mieten lebten die Menschen auf engstem Raum. Die Vermietung von Betten an so genannte Schlafgänger war an der Tagesordnung. In der Folge unternahm Charlottenburg auf dem Gebiet der Fürsorge für die damalige Zeit fortschrittliche Bemühungen, um den Zuständen entgegenzuwirken. Die Maßnahmen konnten die Not nur mildern. So eröffnete 1908 in der Danckelmannstraße ein Ledigenheim mit 125 Betten. Alleinstehende Männer konnten hier ein Zimmer mieten. Zwei Jahre später wurde ein Obdachlosenheim eröffnet. Gegen den Widerstand der konservativen Stadtverordnetenversammlung, die von einem „Eldorado der Armen“ sprach, hatte der engagierte Bürgermeister Kurt Schustehrus die Einrichtung durchgesetzt. Seine Pläne zur Gründung einer Baugenossenschaft scheiterten jedoch an den Charlottenburger Hausbesitzern. Sie verfügten in Charlottenburg über maßgeblichen Einfluss und blockierten erfolgreich wichtige Reformvorhaben in der Stadt.

Charlottenburg bemühte sich auch um eine Wohnumfeldverbesserung, die eng mit dem Namen Erwin Barth verbunden ist. Der seit 1912 amtierende Gartendirektor forcierte die Gestaltung innerstädtischer Plätze zu grünen Stadtoasen mit reich bepflanzten Blumengärten und Spielplätzen. Im Gegensatz zu anderen Städten verfügte Charlottenburg über ausreichende finanzielle Mittel, derartige Projekte auch zu verwirklichen. In der Krummen Straße wurde ein Volksbad gebaut.

Daneben gab es auch private Initiativen. Hedwig Heyl, die der bürgerlichen Frauenbewegung nahe stand, gründete mit Helene Weber den Verein „Jugendheim“, dessen Leitung Anna von Gierke übernahm. Ziel der Frauen war es, Kindern aus ärmeren Familien nicht nur eine warme Mahlzeit zu geben, sondern sie auch in ihrer schulischen Ausbildung zu unterstützen und ihnen Grundlagen sozialer Kompetenz zu vermitteln. Das Vereinshaus in der Goethestraße 22 genoss einen guten Ruf. Darüber hinaus trat Heyl für die Verbesserung der Arbeitssituation von Frauen ein. In Charlottenburg dominierte noch der Beruf des Dienstmädchens – meist unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen. Ihre Situation veränderte sich erst 1920.

Berlin-Charlottenburg, Kurfürstendamm

Berlin-Charlottenburg, Kurfürstendamm

Charlottenburg hatte sich zu einer vermögenden europäischen Großstadt entwickelt. Die Stadt gab sich selbstbewusst. Als 1902 die Berliner Hoch- und Untergrundbahn eröffnet wurde, leistete sich Charlottenburg den Luxus, die bis zum Nollendorfplatz oberirdisch fahrende Bahn auf Charlottenburger Gebiet in den Untergrund zu verlegen, weil einflussreiche Geschäftsleute eine Verunstaltung von Wohn- und Einkaufsstraßen befürchteten. Zur 200-Jahr-Feier wurde das neue Rathaus eingeweiht, dessen 90 Meter hoher Turm die Kuppel des Berliner Stadtschlosses bei weitem überragte. Drei Jahre später folgte ein weiteres pompöses Bauwerk: die Charlottenburger Brücke nebst Tor an der Stadtgrenze zu Berlin. Das Ensemble wurde durch Hitlers Germania-Planung und die Verbreiterung der Charlottenburger Chaussee (heute Straße des 17. Juni) im Jahre 1938 zerstört. Es zählte zu den teuersten Bauwerken jener Zeit.

Der Erste Weltkrieg beendete die stürmische Entwicklung Charlottenburgs.

Schaubühne am Lehniner Platz (Erich Mendelssohn)

Schaubühne am Lehniner Platz (Erich Mendelssohn)

Charlottenburg. Ein Bezirk von Berlin

Am 1. Oktober 1920 wurde die Stadt Charlottenburg zu einem Stadtteil von Groß-Berlin. Teile Charlottenburgs wurden nach Schöneberg oder Wilmersdorf ausgegliedert; die Gutsbezirke an der Heerstraße, am Plötzensee und das Gut Jungfernheide kamen neu zum Bezirk hinzu. Charlottenburg blieb das „Wohnzimmer Berlins“, einzig die Gegenden um das Salzufer und an der heutigen Otto-Suhr-Allee bildeten traditionell Ausnahmen.

Charlottenburg besaß am Kurfürstendamm jede Menge Amüsierlokale, doch für anspruchsvollere Kunst gab es 1920 nur das schon damals schwächelnde „Schiller-Theater“ und das „Deutsche Opernhaus“ an der Bismarckstraße. Max Reinhard eröffnete das „Theater am Kurfürstendamm“. Ebenfalls nach dem Ersten Weltkrieg entstanden die „Tribüne“ und das „Renaissancetheater“. Populärer und für die breite Bevölkerung waren die neuen Film- und Kinopaläste vor allem rund um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Der Luna-Park (damals am Halensee) war weit davon entfernt, billige Unterhaltung zu bieten. Es unterhielt als Attraktion das größte Schwimmbad Europas mit einer Wellenmaschine und einem Faltdach, sodass man je nach Witterungsverhältnissen auch draußen schwimmen konnte. Am Kurfürstendamm gab es nichts, was es nicht gab. Die Friedrichstraße, das traditionelle Zentrum Berlins, verlor in den 1920er Jahren an Bedeutung. Es war der Kurfürstendamm mit seiner Internationalität und auch Hemmungslosigkeit, der Berlin tatsächlich zur Metropole machte, und weshalb man die Zeit als „goldene Zwanziger Jahre” verklärt hat.

Doch der am Kurfürstendamm zur Schau gestellte Luxus, der hemmungslose Konsum im „Neuen Westen“ der Viermillionenmetropolle darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Mehrheit der Berliner Bevölkerung arm war und dass viele Menschen Hunger litten. Rund um den Klausener Platz entdeckte Heinrich Zille sein Milliöh und der Expressionist René Schickele verarbeitete seine Erfahrungen. Der Mediziner Magnus Hirschfeld arbeitete in der Berliner Straße 104. Er gründete später das „Wissenschaftlich-humanitäre Komitee”, die weltweit erste Trägerorganisation, die sich für die Rechte von Homosexuellen einsetzte.

Auch in Charlottenburg entstanden in der Siemensstadt Reformbauten des Wohnungsbauprogrammes. Namhafte Architekten wie Hans Scharoun, Martin Wagner und Walter Gropius setzten sich dort dafür ein, mit geringem kostenmäßigen Aufwand hygienische und freundliche Wohnungen für Kleinverdiener zu bauen. Gebaut wurde aber auch, um die grassierende Arbeitslosigkeit in dieser Zeit zu bekämpfen.

In der ersten Zeit des Nationalsozialismus gab es am Kurfürstendamm noch weiterhin die alten Tanzpaläste, es wurde Jazz gespielt, und sogar Transvestitenlokale blieben vorerst geöffnet. Es gab am Kurfürstendamm sogar noch internationale Zeitungen. Die „Jüdische Rundschau“ aus der Meinekestraße 10 war nach 1933 die einzige nicht gleichgeschaltete deutsche Tageszeitung in Berlin und wurde von daher allgemein gerne gelesen – bis sie nach den Olympischen Spielen nur noch an Abonnenten verkauft werden durfte. Aber nur äußerlich war alles bis dahin noch beim alten geblieben. Die internationalen Künstler in den Cafés waren bereits verschwunden, überall sah man Schilder, auf denen „zu verkaufen“ stand. Dann verschwanden die Menschen, und zum Schluss machten die Bombenangriffe sichtbar, was die Nationalsozialisten bereits zerstört hatten.

In der Nachkriegszeit wurde die Gegend rund um die Gedächtniskirchenruine zum neuen Zentrum von West-Berlin. Charlottenburg galt als das innerstädtische Zentrum der Teilstadt. Der Kurfürstendamm wurde wieder zur wichtigsten Einkaufsstraße. Das Flair der 1920er Jahre war bereits 1933 verloren gegangen. Geblieben ist von Charlottenburg bis heute eine gutbürgerliche Wohngegend mit einem großem Namen.

Charlottenburg steht im allgemeinen Interesse heute im Schatten der Berliner Mitte und sucht noch nach seiner Rolle in der wiedervereinigten Stadt. Alteingesessene Geschäfte verschwanden, Billiggeschäfte kamen. Durch Händlerinitiativen und Veranstaltungen wie dem Oldtimer-Treffen wird versucht, den Kurfürstendamm attraktiver zu machen. Rund um den Bahnhof Zoo wurden inzwischen verschiedene Gebäude aus den 1950er Jahren restauriert. Mit eher unspektakulären Bauprogrammen – vor allem Hochhäusern – wird versucht, in der westlichen Innenstadt Zeichen eines neuen Aufbruchs zu setzen.

Durch die Berliner Bezirksreform ist Charlottenburg seit dem 1. Januar Teil des neuen Bezirkes Charlottenburg-Wilmersdorf.

Berlin-Charlottenburg, Bikini-Haus (Paul Schwebes, Hans Schoszberger)

Berlin-Charlottenburg, Bikini-Haus (Paul Schwebes, Hans Schoszberger)

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