Reinickendorf

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Stadtführungen in Reinickendorf

Individuelle Stadtführungen nach Maß

Ist Reinickendorf der „grüne Norden Berlins“ oder einfach nur hinterwäldlerisch und sehr provinziell? Gerade in Reinickendorf gehen die Meinungen darüber weit auseinander. Für die Einen ist Reinickendorf nur Tegel und Frohnau, für die Anderen das Märkische Viertel, der Kurt-Schumacher-Platz und die Residenzstraße. Berührungspunkte gibt es kaum. Abseits vom touristischen Mainstream ist Reinickendorf eine interessante Erfahrung: Die Metropole Berlin ist oft sehr provinziell, eben typisch Berlin. Sind Sie neugierig geworden? Erkunden wir Reinickendorf gemeinsam.

Der Stadtnavigator Berlin arbeitet für Sie individuell Stadtführungen nach Ihren Themen aus. Der Preis variiert natürlich durch den benötigten Arbeitsaufwand. Fragen Sie unverbindlich nach. Nutzen Sie einfach dafür das Kontaktformular oder schreiben Sie an Info@Stadtnavigator-Berlin.de.

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Berlin-Reinickendorf, Dorfkirche

Berlin-Reinickendorf, Dorfkirche

Die Brandenburger Landgemeinden

Erst am Ende des 18. Jahrhundert begann in Preußen der befestigte Straßenbau. Die erste Chaussee in Preußen entstand unter Carl Gotthard Langhans natürlich zwischen den Residenzstädten Berlin und Potsdam. Noch 1816 gab es in Brandenburg nur 27,8 Meilen (1 preußische Meile entspricht 7532,5 Meter), um 1860 waren bereits etwa 400 Meilen befestigte Straßen. Vor allem war es der Zwang, der sich aus der sich langsam entwickelnden industriellen Entwicklung ergab, eine bessere Infrastruktur anzubieten.

In der Landgemeinde Reinickendorf setzte der Wege- und Chausseebau 1821 ein. Bereits ein Jahr vorher wurde die Führung der Berlin-Oranienburger Landstraße (heute B96) verändert und durchquerte nun das Dorf Reinickendorf. Gleichzeitig wurde die Tegeler Chaussee auf Initiative Wilhelm v.Humboldts zum Gut Tegel verlängert und markierte bis dahin den Endpunkt der bereits 1801 erbauten Kunststraße, die nun vom Oranienburger Tor über die heutige Müllerstraße und der Tegeler Chaussee (Scharnweber- und Seidelstraße) nach Tegel verlängert wurde. Wichtig für die bauliche Entwicklung im westlichen Ortsteil Reinickendorf war auch die Dalldorfer Chaussee (heute Ollenhauer Straße), die 1848 als neue Verbindung entstand.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde mit der Separation die Erbuntertänigkeit in Brandenburg abgeschafft und die Gewerbefreiheit eingeführt. Agrarland wurde in frei verfügbares Eigentum umgewandelt. Durch die Befreiungsgesetze von 1807 und 1811 konnte jeder ohne grundherrliche Einschränkung die Art und den Ort seiner Tätigkeit frei wählen. Das war auch die Phase der ersten Siedlungsanfänge auf den stadtnahen, neu gebildeten Feldmarken im Berliner Umland.

Berlin-Tegel, Alte Mühle

Berlin-Tegel, Alte Mühle

Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde Reinickendorf von der nordwestlichen (zweiten) Randwanderung der Industrie berührt, die der neu gebauten nördlichen Eisenbahnlinie, der Nord-, dann der Kremmener Bahn (heute S-Bahnlinien 1 und 25), entlang folgte. Damit waren die technischen Voraussetzungen für den industriellen Aufstieg des heutigen Bezirks Reinickendorf geschaffen. Mit der Einführung des Vororttarifs im Jahre 1881 wurde die Eisenbahn zum Massentransportmittel, ohne die die zweite Randwanderung – mit der Trennung von Wohnung und Arbeitsstätte – nicht möglich gewesen wäre. Hinzu kamen der Ausbau der Straßenbahnlinien und die Elektrifizierung der S-Bahn um 1900. Die Kleinbahn von Wilhelmsuh nach Groß-Schönebeck und Liebenwalde („Heidekrautbahn“) erlangte vor allem als Ausflugsbahn Bedeutung für die Berliner. Durch den Bau der Berliner Mauer im Jahre 1961 wurde der Ausgangsbahnhof der Heidekrautbahn später nach Ost-Berlin, nach Berlin-Karow, verlegt.

Die Randwanderung der Maschinenbau-Industrie dauerte aufgrund der Rüstungsproduktionen. vieler Betriebe in Reinickendorf bis in die Endphase des Ersten Weltkrieges.

Auch wenn die Hauptverkehrsstraße nach Tegel erst 1820 zur Chaussee ausgebaut wurde, war sie vorher schon als „Hamburger Postweg“ eine wichtige Verbindungsstraße. Vorher war sie vor allem als „Heiliger Blutweg“ bekannt und im Mittelalter ein Pilgerweg zum Wallfahrtsort Wilsnack und der Heiligblutkirche. Wilsnack galt im Mittelalter als wichtigster Wallfahrtsort Nordeuropas. Auch anliegende Orte auf dem Pilgerweg versuchten von den Pilgern zu profitieren: Auf diese Zeit sind wahrscheinlich die Legenden rund um den Heiligen See (heute Ortsteil Heiligensee) zurückzuführen.

Berlin-Tegel, ehemalige Borsigwerke

Berlin-Tegel, ehemalige Borsigwerke

Ausgangspunkt für die Industrialisierung des heutigen Bezirks Reinickendorf waren die Windmühlen. Straßennamen wie die der „Müllerstraße“ weisen heute noch darauf hin. Durch die geringen wirtschaftlichen Erträge des Erbzinsgutes Hermsdorf suchten die Besitzer schon früh nach Alternativen. 1840 arbeiteten im Umkreis der Hermsdorfer Mühle 46 weitere Mühlenbetriebe. Der einsetzende Verdrängungswettbewerb führte zur Umstellung der Tegeler Mühle auf Dampfbetrieb und verdrängte die meisten anderen Mühlen vom Markt. Andere spezialisierten sich und arbeiteten nun als Schneide-, Knochen- und Farbenmühlen. Nach 1860 arbeiteten neben der Tegeler Mühle nur noch sechs weitere auf dem heutigen Bezirksgebiet. Neben den bestehenden, von der Forst- und Landwirtschaft abhängigen Betrieben, entstanden ab 1836 mehrere Lehmabbaubetriebe in Hermsdorf (Hermsdorfer See) und Lübars (Ziegeleisee mit dem Strandbad Lübars) mit eigenen Ziegeleien. Weil die Betriebe beim Transport nach Berlin auf Pferde- und Ochsenwagen angewiesen waren, konnten sie der bald aufkommenden Konkurrenz der Zementindustrie in Rathenow, Rüdersdorf oder Zehdenick nicht standhalten, die den viel preiswerteren Schiffstransport nach Berlin nutzen konnten. Eine andere Idee ergab sich in Hermsdorf durch eine salzige Quelle ähnlich wie der am Gesundbrunnen. Hermsdorf hoffte, ein Kurort zu werden und auf Ansiedlung zahlungskräftiger Berliner Bürger. So begann man mit dem Bau einer Villensiedlung. Die Quelle versiegte bald, und der Traum war vorbei.

Ein Vorbote der Industrialisierung erreichte Tegel bereits 1838, als Franz Anton Jakob Egells von den Tegeler Bauern Land aufkaufte, um am Tegeler See einen Eisenhammer zu errichten. Seine Betriebe waren ursprünglich in der heutigen Kreuzberger Lindenstraße (Nähe des Jüdischen Museums) angesiedelt, wo Egells seit 1821 Textil- und Dampfmaschinen baute. 1828 zog er in die Chausseestraße und gründete dort die erste Eisengießerei in Berlin. Die günstige Verkehrslage und der preiswerte Boden waren in Tegel ausschlaggebend. Mit dem Bau des Spandauer Schifffahrtskanals 1848-1859 verbesserten sich die Verkehrsverbindungen.

Mit dem Bau der Nord- und Kremmener Bahn wurde auch Tegel für Investoren immer interessanter. Borsig zog 1898 nach Tegel. Die Werke in Moabit wurden geschlossen und Tegel wurde zum Hauptsitz des Unternehmens. AEG zog noch weiter nach Hennigsdorf. Dem Beispiel folgten in den nächsten fünfzehn Jahren weitere Firmen entlang der Eisenbahnen. Mit dem Bau des Tegeler Hafens im Jahre 1907, der 1907/08 fertig gestellten Industriebahn von Tegel nach Friedrichsfelde und dem 1913 eröffneten Hohenzollernkanal als Entlastung der Spree entstand eine Infrastruktur, die den Bezirk vor allem für den Maschinenbau attraktiv machte.

1899 wurde in der Dalldorfer Heide die erste Wohnung der Kolonie Borsigwalde bezogen. Die Bewohner waren Arbeiter des 1898 errichteten Tegeler Werkes. In den 1930er Jahren entstanden auch in Heiligensee Wohnungen von nun Rheinmetall-Borsig.

Berlin-Wittenau, Altes Postamt Dalldorf

Berlin-Wittenau, Altes Postamt Dalldorf

Dalldorf (heute Wittenau) entwickelte sich zwischen 1840 und 1890 von einem mittelalterlich strukturierten Dorf zu einer ländlichen Vorortsgemeinde der sich schnell ausdehnenden Stadt Berlin. 1838 wurde die Strelitzer Chaussee (heute Oranienburger Straße) als Lehmchaussee befestigt, 1842 baute der Berliner Magistrat die heutige Roedernallee ebenfalls zur Chaussee aus. Die Landwirtschaft wurde zur Versorgung der schnell wachsenden Berliner Bevölkerung umgestellt. Den Dünger lieferte die Entsorgung der Berliner Kloakegruben. Durch die Intensivierung der Landwirtschaft zogen Landarbeiter nach Dalldorf, gefolgt von kleineren Handwerksbetrieben.

Im Jahre 1880 eröffnete die Stadt Berlin in der heutigen Oranienburger Straße die „Irrenanstalt Dalldorf bei Berlin“ (heute Karl-Bonhoeffer-Kliniken). 1881 wurde die Klinik durch eine Erziehungseinrichtung für geistig behinderte Kinder ergänzt, die „Idiotenanstalt“. Die stand unter der langjährigen Leitung des engagierten Erziehungsinspektors Hermann Piper. Er vermittelte den Kindern erfolgreich eine Schulbildung, leichter behinderte Kinder arbeiteten in den Kuh- und Schweineställen des anstaltseigenen Gutshofs oder auf den Feldern. Sie gingen für die Klinikküchen und das Personal einkaufen und zählten zum öffentlichen Erscheinungsbild des Ortes.

Der Bürgerverein in Dalldorf gab der „Anstalt“ die Schuld dafür, dass sich die Ansiedlung neuer Bewohner in Dalldorf verlangsamt hätte, dass jeder Dalldorf mit der „Anstalt“ gleichsetzte, während sich weiter entfernte Landgemeinden – wie Tegel oder Hermsdorf – schon in den 1890er Jahren zu Berliner Vororten  entwickelt hätten. 1905 erreichten der Bürgermeister Peter Witte und der Bürgerverein die Umbenennung Dalldorfs in Wittenau. Die Klinik behielt den Namen noch zwanzig Jahre bei und wurde erst 1925 in „Wittenauer Heilstätten“ umbenannt.

Es lässt sich nicht mehr ermitteln, wie viele Patienten den Euthanasie-Programmen der Nationalsozialisten zum Opfer fielen und von den Ärzten ermordet wurden. Fest steht nur, dass Hunderte von Patienten durch Überdosen von Arzneimitteln vergiftet oder in die Tötungsanstalt Meseritz-Obrawalde gebracht wurden. Auch in der angeschlossenen Kinderklinik Wiesengrund wurden Kinder getötet.

1839 wurde in der heutigen Soltauer Straße die erste Fabrikanlage auf Dalldorfer Gebiet gegründet, die kleine Fabrik Axel Sattelbeck. 1894 erwarben die Brüder Borsig östlich des Bahnhofs an der Nordbahn Ackerland, um ihre Maschinenfabrik aus Moabit dorthin zu verlegen. Die Fabrik zog nach Tegel, doch die Firma Borsig blieb bis 1935 Eigentümer des Wittenauer Areals. Geplant war dort nämlich der Ausbau des künstlich angelegten Nordgrabens zu einem Schifffahrtskanal ähnlich dem Teltower Kanal im Süden des heutigen Stadtgebiets und die Anlage eines Hafens auf dem Gelände des heutigen Märkischen Viertels. Die Planungen wurden bereits während des Nationalsozialismus endgültig verworfen.

Auf den Industriegrundstücken der Borsigwalder Terrain-Gesellschaft und dem anschließenden Gebiet bis zum heutigen Eichborndamm entstanden 1905 mehrere große Industrieanlagen der deutschen Rüstungsindustrie wie die Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken oder die Panzerproduktionsfabriken von Rheinmetall (→Spandau), die während des Zweiten Weltkriegs auch eine wichtige Drehscheibe für den Handel mit geplünderten Industrieanlagen aus den besetzten Gebieten Westeuropas waren. Die gebauten Panzer wurden in der anliegenden Holzhauser Straße Probe gefahren. In dieser Zeit wurden im gesamten Bezirk Reinickendorf entlang der Zentren der Rüstungsindustrie Zwangsarbeiterlager und auch Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen bei Oranienburg errichtet. Eines davon befand sich an der Gabelung der Nord- und Kremmener Bahn hinter dem Bahnhof Schönholz, in dem zuletzt vor allem ungarische Jüdinnen unter unvorstellbaren Bedingungen untergebracht wurden und die als Arbeitssklaven bei der Firma Argus eingesetzt wurden. Die Argus-Motorenwerke in der Flottenstraße waren ein wichtiger Zuliefererbetrieb der Heinkel-Flugzeugwerke in Oranienburg, die nach den Plänen der deutschen Regierung zu einem reinen KZ-Betrieb umgewandelt werden sollten.

Berlin-Reinickendorf, Weiße Stadt (Wilhelm Bühning)

Berlin-Reinickendorf, Weiße Stadt (Wilhelm Bühning)

Villenkolonien und Reformsiedlungen in Reinickendorf

Zwischen 1908 und 1910 entstand im Norden des heutigen Bezirks die Villenkolonie Frohnau, die als Gartenstadt angelegt wurde. Mit solchen Projekten richteten sich die Landgemeinden um Berlin herum an das steuerkräftige Berliner Bürgertum, das es aus der Großstadt ins Grüne zog.  Frohnau erreichte nie das Prestige der Villensiedlungen Grunewald oder Schlachtensee und erscheint bis heute nur als ein kleinerer Ableger davon.

Als Berliner Reformsiedlungen der 1920er und frühen 1930er Jahre entstanden in Tegel die Freie Scholle und die Weiße Stadt. Die Freie Scholle wurde von Gustav Lilienthal, dem Bruder des bekannteren Luftfahrtpioniers Otto Lilienthal, begonnen, der vorher vor allem in Lichterfelde durch seine burgähnlichen Phantasievillen bekannt wurde. Weitergeführt wurde das Projekt schließlich von Bruno Taut, unter dessen Regie mehrere Berliner Reformsiedlungen entstanden, die heute zum Weltkulturerbe der UNESCO gehören. Die Weiße Stadt entstand zu Beginn der 1930er Jahre als Reformsiedlung an der Emmentaler Straße und Aroser Allee im Ortsteil Reinickendorf. Die Vorgängerbauten des sozialen Wohnens zu Beginn des 20. Jahrhunderts kann man bis heute ganz in der Nähe, in der Klemkestraße, sehen.

Berlin - Märkisches Viertel, Wohnhaus (Chen Kuen Lee)

Berlin - Märkisches Viertel, Wohnhaus (Chen Kuen Lee)

Reinickendorfer Nachkriegszeit

In den 1960er und frühen 1970er Jahren entstand als eines von drei großen West-Berliner Großsiedlungsprojekten das Märkische Viertel. Immer wieder hat die Satellitenstadt „auf der grünen Wiese“ wegen ihrer Sozialstruktur mit einem Imageproblem zu kämpfen. Erwähnenswert ist, dass das Märkische Viertel bis heute ein Beispiel einer gescheiterten Berliner Verkehrspolitik ist. Einen U-Bahnanschluss in die Berliner Innenstadt hatte man ganz einfach vergessen. Bis heute hat der Berliner Senat es nicht geschafft, die Siedlung verkehrstechnisch und  umweltfreundlich an die Stadt anzubinden. Die S- und U-Bahnen führen nur peripher an der Satellitenstadt vorbei oder enden bis heute an ihrem Rand. Eine Änderung ist nicht in Sicht.

Erwähnenswert ist auch der Ortsteil Lübars, der als letztes Dorf Berlins gilt und bis heute deutlich macht, dass Berlin ein Teil von der Mark Brandenburg ist.

Berlin-Tegel, Schiffsanlegestelle Tegel (Tegeler See)

Berlin-Tegel, Schiffsanlegestelle Tegel (Tegeler See)

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