Türkisches Berlin

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Interkulturelle Stadtführungen in Berlin

Individuell ausgearbeitete Stadtführungen

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Potsdam, Türkenmode in der Barockzeit: Pumpwerk

Potsdam, Türkenmode in der Barockzeit: Pumpwerk

Stadtführungen über Assimilation und Integration  in Berlin

Geschichte der Türken in Berlin

Im Mittelalter waren jüdische und arabische Kaufleute in Mitteleuropa die Spezialisten im internationalen Fernhandel. Auch wenn in der Literatur von „Arabern“ die Rede war, müssen wir davon ausgehen, dass es sich allgemein um muslimische Händler handelte.

Mit der Eroberung Konstantinopels und der Geburt der osmanischen Metropole Istanbul, 1453, etablierte sich im abendländischen Bewusstsein die Existenz einer ernstzunehmenden türkischen Macht. Bekräftigt wurde der Anspruch 1529 durch die erste türkische Belagerung Wiens unter Sultan Süleyman I., dem Prächtigen. Luthers Predigten gegen die Türken taten ein Übriges, das Gefühl einer Bedrohung durch die „Mohammedaner“ zu nähren.

Infolge der „Türkenkriege“, insbesondere des „Großen Türkenkrieges“ (1683-99), ausgelöst durch die zweite türkische Belagerung Wiens, kamen erstmals Osmanen als Kriegsgefangene brandenburgischer Truppen nach Berlin. Berühmt wurden Hassan und Aly, die als konvertierte Kammerdiener am Hof Königin Sophie Charlottes von Preußen dienten.

Zur Zeit Friedrich Wilhelms I. kam es zu ersten geheimdiplomatischen preußisch-türkischen Beziehungen. Friedrich Wilhelm ließ sich Pferde aus Istanbul kommen, darunter ein Geschenk Ahmeds II., ein edles Ross aus dem Großherrlichen Marstall, das in Berlin allgemeine Bewunderung erregte. Als der Herzog von Kurland dem König zwanzig „türkische“ (eigentlich muslimisch-tatarische) Gardeeliten überließ, wurde ihnen 1732 in ihrem Quartier am Langen Stall in Potsdam eine Moschee eingerichtet. Durch ein Dekret kam es zur Gründung der ersten islamischen Gemeinde auf deutschem Boden.

Nach der preußischen Eroberung Schlesiens suchte Friedrich II. ein Bündnis mit den Osmanen unter Mustafa III gegen Österreich. Doch statt eines Bündnisses kam es 1761 lediglich zu ersten preußisch-türkischen Freundschafts- und Handelsabkommen. Bereits 1741 wurden tatarische und bosnische Muslime in das so genannte „Ulanen-Regiment” integriert, das zeitweise bis zu 1.000 Mann umfasste. Im Zuge der Kontaktaufnahme wurde 1763 eine ständige osmanische Gesandtschaft in Berlin eingerichtet. In der Berliner Gesellschaft führten die sich allmählich entwickelnden preußisch-türkischen Beziehungen zu einer regelrechten, bis in die Kaiserzeit anhaltenden  „Türkenmode“.

Schon seit 1670 war Kaffee als „Wein des Islam“ in den deutschen Ländern bekannt. 1721 eröffnete in Berlin das erste Kaffeehaus (in Wien 1685).  Im Laufe des 18. Jahrhunderts wurde der Kaffee auch zum Getränk der „kleinen Leute”. Kaffee ersetzte nicht nur in Berlin teilweise den weit verbreiteten Weißbierkonsum. Friedrich II. versuchte, dem „unbotmäßigen Kaffeegenuss” 1781 mit der staatlichen Kaffeeregie entgegenzuwirken, um den teuren Import zu reduzieren. Das private Rösten von Rohkaffee wurde untersagt. Zollbeamte, die von den Berlinern als „Kaffeeriecher“ und „Kellerratzen“ bezeichnet wurden, sollten die Einhaltung kontrollieren. Kaffee wurde geschmuggelt oder auch durch Zichorie ersetzt. In Berlin wurde der Kaffee-Ersatz, abgeleitet von „Mocca faux“,  „Muckefuck“ genannt.

Dresden, „Moschee“ war eine Zigarettenfabrik, gebaut1909

Dresden, „Moschee“ war eine Zigarettenfabrik, gebaut1909

Die „Türkenmode“ wurde noch verstärkt, als später Friedrich Wilhelm III. die Beisetzung des verstorbenen türkischen Gesandten der Hohen Pforte auf dem Gelände des Tempelhofer Feldes anordnete. Die Begräbniszeremonie und der feierliche Zug, der dem türkischen Verstorbenen das letzte Geleit gab und in seiner ungewöhnlichen Exotik zahllose Neugierige anzog, stellte die erste islamische Kulthandlung in der Berliner Öffentlichkeit dar. Nach der Bestattung eines weiteren türkischen Gesandten geriet die Begräbnisstätte zunächst in Vergessenheit. Sie wurde 1836 wiederentdeckt; 1866 sollte der Friedhof dann einem Kasernenbau weichen. Mit Zustimmung des Sultans wurden die türkischen Toten in ein neben dem Garnisonsfriedhof gelegenem Gräberfeld (am heutigen Columbiadamm 128 in Neukölln) umgebettet. Dort ruhten bereits die muslimischen Gefallenen aus den Freiheitskriegen gegen Napoleon. Der seitdem als „Türkenfriedhof“ bekannte Ort ging in den Besitz des Osmanischen Reiches über, dessen Erbnachfolge später die Türkische Republik antrat.

Berlin-Tiergarten, Berliner Zoo: Orientalische Fassade

Berlin-Tiergarten, Berliner Zoo: Orientalische Fassade

Die Attraktion exotischer Atmosphäre im Habitus der mit reichem Gefolge und Gepränge einziehenden türkischen Gesandten nach Berlin galt in der preußischen Hauptstadt des 19. Jahrhunderts als Sinnbild orientalischen Lebens. Ein damals bekanntes Beispiel war das Etablissement von Sophie Frederike Pauly, das „Türkische Zelt“ in der Berliner Straße (heute Otto-Suhr-Allee) in Charlottenburg. Dort verkehrte die bessere Gesellschaft, und das „Türkische Zelt”  war Treffpunkt von Philosophen, Theologen, Juristen und Künstlern. Auch andere spätere Vergnügungstempel, wie das „Flora-Etablissement“ am Charlottenburger Luisenplatz, griffen die „Türkenmode“ mit integrierten orientalischen Elementen immer wieder auf. Bis heute greifen Conférenciers das Thema gerne auf.

Im April 1914 gründete sich, unterstützt von der deutschen Politik und Wirtschaft, die Deutsch-türkische Vereinigung. Ein Ziel war der Austausch junger Menschen, die nicht zuletzt den deutschen Projekten im Osmanischen Reich dienen sollten. Kamen 1914 etwa 300 junge Leute nach Berlin, waren 1917 mehr als 2000 Türken registriert. Noch 1917 wurde im abgelegenen Grunewald ein türkisches Schullandheim eingerichtet. Zu Kontakten mit der Berliner Bevölkerung kam es kaum. Während des Ersten Weltkrieges kamen muslimische Gefangene der Alliierten in zwei Internierungslager in Wünsdorf und Zossen bei Berlin, andererseits aber auch osmanische Militärs nach Berlin.

Deutschland war in der Weimarer Zeit der größte Handelspartner der 1923 gegründeten Türkischen Republik. Nach dem Ersten Weltkrieg lebten rund einhundert muslimische Exilanten und Studenten in der Stadt. 1922 wurde die erste islamische Gemeinde in Berlin gegründet, die 1930 nun als „Deutsch-Moslemische Gesellschaft” knapp 2000 Mitglieder unterschiedlicher Herkunft hatte.

Die Errichtung des NS-Regimes wurde in der Türkei zum Teil mit Sympathie betrachtet. Um die Sympathien in der türkischen Bevölkerung zu festigen, wurde 1934 der verstorbene und vom NS-Regime geachtete türkische Botschafter Kemaleddin Sami Pascha mit einem pompösen Trauerzug zum Anhalter Bahnhof begleitet. Die menschenverachtende Politik des deutschen Regimes und vor allem die Ausgrenzung der Juden aus dem öffentlichen Leben wurden von vielen Türken, die nach Deutschland kamen, zwar wahrgenommen. Man nahm sich aber auch gerne in der Nähe des Kurfürstendamms ein günstiges Zimmer „in den Wohnungen reicher deutscher Juden, die nicht an Deutsche vermitteln durften“. Das erinnert wiederum sehr stark an heutige Touristen, die die Menschenrechtsverletzungen in vielen Urlaubsländern oft als folkloristische Eigenheit wahrnehmen und auch selbst gerne ein bisschen von den Zuständen dort zu profitieren versuchen.

Nicht nur die türkischen Muslime, die in Deutschland lebten, gerieten schnell in das Fahrwasser der nationalsozialistischen Politik und wurden zum Teil instrumentalisiert. Dabei spielte vor allem Amin al-Hasayni, der Jerusalemer Mufti, eine Rolle, der in seinem extremen Antisemitismus und in seinem Widerstand gegen die britische Kolonialmacht in Palästina eine gemeinsame arabische, besser muslimische Haltung forderte und dabei die enge Nähe zum NS-Regime suchte. Trotz seiner Kenntnis über die millionenfachen Morde an der jüdische Bevölkerung in Europa unterstützte er die Waffen-SS auf dem Balkan und versuchte über seine Kontakte zu den Deutschen, die jüdische Besiedlung Palästinas zu verhindern. Er ging so weit, dass er eine deutsche Besetzung Palästinas und die Ausweitung des Massenmords auch an der dort lebenden jüdischen Bevölkerung ausdrücklich befürwortete. Die Wirkungen des Antisemitismus des Amin al-Hasayni, verbunden mit der Vereinigung der Muslime unter einem gemeinsamen Feindbild, sind bis heute lebendig.

Berlin, U-Bahnhof Kottbusser Tor

Berlin, U-Bahnhof Kottbusser Tor

Türkische Einwanderung heute

1961 schloss die BRD mit der Türkei ein Abkommen zur Anwerbung türkischer Arbeitskräfte. Dem waren bereits 1955 Vereinbarungen mit Italien, 1960 mit Griechenland und Spanien vorausgegangen. Man dachte nicht daran, dass die als „Gastarbeiter“ bezeichneten Einwanderer dauerhaft in Deutschland bleiben würden. Doch im Laufe der Zeit zogen ihre Frauen und Kinder nach.

In den 1980er Jahren wurde vom Senat von West-Berlin ein Zuzugstopp für Ausländer im Wedding, in Tiergarten und Kreuzberg beschlossen, um den Anteil ausländischer, vor allem türkischer Bevölkerung auf das gesamte West-Berliner Stadtgebiet besser zu verteilen.

Berlin-Kreuzberg, Gemeindehaus der türkischen Aleviten

Berlin-Kreuzberg, Gemeindehaus der türkischen Aleviten

Da es keinen kurdischen Staat gibt, werden die meisten Kurden, die aus der Türkischen Republik stammen, zu den Türken gerechnet, es sei denn (wie es bei ethnischen Türken auch der Fall sein kann), sie haben die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen. Mehrheitlich gehören die hier lebenden Türken dem sunnitischen Glauben nach der hanaftischen Rechtsschule, an zweiter Stelle den Alleviten an. Viele hier lebende Kurden sind jesidischen Glaubens, aber nicht alle hier lebenden Kurden stammen aus der Türkei. Von den 444 000 in Berlin lebenden Ausländern stammen zirka 120.000 aus der Türkei. Jeder Fünfte von ihnen besitzt inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft.

Berlin-Kreuzberg, Oranienstraße

Berlin-Kreuzberg, Oranienstraße

Knapp sechs Prozent der Berliner, etwa 210.000 gehören zu einer der islamischen Gemeinden. Der dauerhafte Verbleib der türkischen Einwanderer in Deutschland und in Berlin führte dazu, dass provisorische Hinterhofmoscheen aufgegeben wurden. Auch in Berlin werden seitdem Moscheen gebaut, die als solche auch öffentlich erkennbar sind. In der Bevölkerung wird der Bau der muslimischen Gotteshäuser oft subjektiv als islamische Missionstätigkeit, Unterwanderung und „Islamisierung“ verstanden. Hinzu kommt, dass seit den Terroranschlägen im Jahre 2001 in New York und Washington im Bewusstsein vieler Menschen der Islam selbst auf Misstrauen stößt. Das Ergebnis sind zahlreiche Moscheebaukonflikte, die nicht nur von rechtsradikalen Demagogen für ihre eigenen Zwecke instrumentalisiert werden. Das jüngste Berliner Beispiel ist der Bau der Khaddija-Moschee der Ahmaddiyya-Gemeinde in der Heinersdorfer Tiniusstraße 7. Jahrelang erhitzte der Bau der Moschee die Gemüter, und eine so genannte Pankower Bürgerinitiative versuchte den Bau mit zweifelhafter Unterstützung nicht nur der NPD zu stoppen. Die Moschee wurde im Oktober 2008 eröffnet.

Türkische Berliner sind doppelt so oft von der Arbeitslosigkeit betroffen als der Bevölkerungsdurchschnitt und viele haben einen schlechten Schulabschluss. Wenn wir uns allerdings über eine mangelnde Integrationsfähigkeit der Türken beklagen, müssen wir uns daran erinnern, dass es bis in die 1990er Jahre gar keine Integrationspolitik gab. Bis in diese Zeit wurde in der Politik geleugnet, dass Deutschland inzwischen längst zu einem Einwanderungsland geworden ist. Andererseits wurde die Wortschöpfung „Multikulti“ so verstanden, dass man die Entwicklung sich selbst überlassen könnte.

Wilmersdorfer Ahmadiyya Moschee, gebaut 1924-1928

Wilmersdorfer Ahmadiyya Moschee, gebaut 1924-1928

Interreligiöse Stadtführung

Entdeckung der Religionen in Berlin

Islam, die Moschee

Es gibt drei große Strömungen des Islam (arab.: Hingabe, „Unterwerfung” unter den Willen Allahs): Die Sunniten (etwa 90 Prozent), die Schiiten (etwa 8 Prozent) und die Wahibiten (etwa 2 Prozent). Der Glaubensstreit zwischen den Sunniten, die sich selbst als orthodox bezeichnen, geht auf die früheste Zeit des Islam zurück: auf den Nachfolgestreit des Propheten Muhammad. Jeder, der Kalif werden wollte, versuchte über (oft konstruierte) Familienstammbäume die Verwandtschaft mit Muhammad nachzuweisen.

Während die Sunniten auch die Nachfolger als rechtmäßig anerkannten, die nicht aus der Nachkommenschaft Muhammads stammten, erkannten die Schiiten nur Muhammads Vetter Ali als rechtmäßigen Nachfolger an. Später zerfielen die Schiiten in weitere Untergruppen, unter anderem die Nersairier, die eng mit den Alleviten in der Türkei verbunden sind. Die Alleviten bilden eine starke Minderheit unter den türkischen Muslimen in Berlin. Aus den Schiiten gingen auch die Drusen, Bahai und noch viele andere Gruppierungen hervor. Die Wahibiten leben vor allem in Saudi-Arabien und haben sich als so genannte Strenggläubige als größte Gruppe von den Sunniten abgespalten.

Das Zentrum des Islam ist die Kaaba (arab.; Kubus, Würfel), die sich im Innenhof der Großen Moschee (arab.: Al-maschdid al-haram) in Mekka, in Saudi-Arabien, befindet. Die Große Moschee ist seit 632 ein rein islamisches Heiligtum und gilt als ältestes islamisches Gotteshaus. Als Bait Allah (arab.; Haus Gottes) ist sie das Ziel der „Haddsch“, der großen Pilgerreise, die jeder Muslim einmal in seinem Leben unternehmen soll, wenn er dazu in der Lage ist. Die Kaaba ist  gleichzeitig auch der Ort, der von jedem Punkt der Erde aus die islamische Gebetsrichtung (arab.: Qibla) festlegt.

Bln.-Kreuzberg, Umar-Ibn-al-Khattab-Moschee, Glaubensbekenntnis

Bln.-Kreuzberg, Umar-Ibn-al-Khattab-Moschee, Glaubensbekenntnis

Die Moschee (arab.: Masdschid; Ort der Niederwerfung, Verneigung) ist allgemein der zentrale Ort des sozialen Gemeinschaftslebens und des Gebets, also das Zentrum der islamischen Gemeinde. Traditionell können Gläubige das Gebet auch im Freien verrichten.

Die gebräuchliche Pfeilerhallen-Architektur der Moscheebauten wird auf die Omayyaden-Moschee in Damaskus zurückgeführt; die Tradition der Minarette (Minaret, türk. (17. Jh.), aus arab.: Minara: Leuchtturm) weist auf die im 7. Jahrhundert beginnende Verwendung früherer Kirchen nun als islamische Gotteshäuser hin. Die ehemaligen Kirchtürme dienten jetzt zum Gebetsaufruf (arab.: Iqama) durch den Muezzin (arab., Ausrufer). Vom Minarett aus werden die Gläubigen fünfmal am Tag zum Gebet (arab.: Salat) gerufen. Vor allem in den großen Moscheen wird zum Freitagsgebet und an Feiertagen das Gebet prachtvoller gestaltet. Bei der Verwendung zusätzlicher Gegenstände dabei gibt es regionale Unterschiede.

Das wichtigste Element im Betraum der Moschee ist die Qibla, die die Gebetsrichtung nach Mekka festlegt. Die Qibla-Wand wird in der Moschee besonders hervorgehoben: mit Inschriften, besonderen Ornamenten, in kleinen Moscheen manchmal auch nur mit einer einfachen Kennzeichnung. Sie ist obligatorisch. In der Wand befindet sich die Gebetsnische (arab.: Mihrab). Sie ist der Platz des Imam (arab., Vorsteher, Oberhaupt) vor der Gemeinde. Eine Predigt vor dem Gebet ist nicht unbedingt erforderlich, doch folgen viele Imame damit dem Vorbild Mohammeds. Beliebte Themen sind der Koran oder auch der Hadith, die Überlieferungen der Aussagen und Handlungen des Propheten. Danach folgt das Gebet. Neben der Gebetsnische gibt es oft eine Kanzel (arab.: Minbar), manchmal auch nur eine Erhöhung, von der der Prediger (arab.: Chatib) beim Freitagsgebet und an Feiertagen die Predigt (arab.: Chutba) hält – oft von einem Lesepult (arab.: Kursi) aus, auf dem er den Koran und andere religiöse Bücher auch ablegen kann.

Bln.-Heinersdf. Khaddija-Moschee, Qibla-Wand mit Mihrab

Bln.-Heinersdf. Khaddija-Moschee, Qibla-Wand mit Mihrab

Manche Moscheen besitzen separate Beträume für Frauen. In der Geschichte des Islam war die Bewegungs- und Handlungsfreiheit der Frauen generell sehr stark eingeschränkt. Das ist zum Teil noch bis heute so. Sie hatten in einer traditionell restriktiven Männergesellschaft meist gar nicht die Möglichkeit, ihr Gebet in der Moschee zu verrichten. So reichte es in den Auslegungen für eine Frau aus, in einem sauberen Raum das Gebet zu verrichten.

Berlin-Neukölln, Şehitlik-Moschee

Berlin-Neukölln, Şehitlik-Moschee

Die Geschichte der Moscheen in Berlin

Die erste Moschee auf deutschem Boden wurde zur Zeit des preußischen Königs Friedrich Wilhelms I. in Potsdam in einem Raum eingerichtet (→türkische Geschichte).

Während des Ersten Weltkrieges kamen muslimische Kriegsgefangene der Alliierten in die Internierungslager in Wünsdorf und Zossen bei Berlin. Im so genannten „Halbmondlager“ in Wünsdorf wurde in dieser Zeit der erste Moschee-Bau in Deutschland errichtet. Der Kuppelbau aus Holz wurde 1930 wegen Baufälligkeit abgerissen.

1922 gründete der Inder Maulana Sadr-ud-Din die erste islamische Gemeinde in Berlin,  die „Lahore-Ahmadiyya-Bewegung zur Verbreitung islamischen Wissens“, die sich ab 1930 in „Deutsch-Moslemische-Gesellschaft“ umbenannte. 1924-28 wurde in der Brienner Straße 7/8 in Wilmersdorf die Ahmadiyya-Moschee nach dem Vorbild des Taj Mahal im Mogulstil mit einem Nebenhaus für den Imam gebaut. In der Weimarer Zeit gab es auch eine sehr geringe Zahl deutscher Konvertiten zum Islam.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sich alle vormals existierenden Vereine aufgelöst. Die verbliebenen Muslime sammelten sich um die Wilmersdorfer Ahmadiyya-Moschee. Impulse gingen von der indisch-pakistanischen Ahmadiyya-Bewegung in Großbritannien aus, die in der BRD 1955 in Hamburg die erste Gemeinde gründete. Mit dem Abschluss von Anwerbeabkommen mit muslimischen Staaten wie der Türkei (1961), Marokko (1963), Tunesien (1965) und Jugoslawien (1968) kamen jetzt in größerer Zahl Muslime in die BRD – und natürlich auch nach West-Berlin. Ab der Mitte der 1970er Jahre kam es im größeren Umfang zur Gründung von Moscheevereinen und Organisationen.

In die DDR kamen Studenten aus den sozialistischen Bruderstaaten, vor allem aus Syrien und dem Jemen. Vor allem Leipzig und Ost-Berlin waren Ausgangspunkte für ein bescheidenes muslimisches Gemeindeleben.

Berlin-Kreuzberg, Umar-Ibn-al-Khattab-Moschee

Berlin-Kreuzberg, Umar-Ibn-al-Khattab-Moschee

Über vierzig Moscheen sind heute in Berlin registriert. Die meisten befinden sich auf ehemaligen Fabrikgeländen, in Hinterhöfen und Vereinslokalen.

Die meisten muslimischen Gemeinden arbeiteten abgeschottet vor sich hin. Mit der Zeit wurde vielen eingewanderten Muslimen aber auch bewusst, dass Deutschland inzwischen ihre Heimat geworden ist. Nun begannen muslimische Vereine sich zur deutschen Gesellschaft hin zu öffnen. Von der deutschen Gesellschaft wurde das wiederum oft als Missionierung und als „Islamisierung“ wahrgenommen.

Den türkische Friedhof am Columbiadamm gibt es schon seit 1863. 1867 schenkte der damals noch preußische König Wilhelm I. das Gelände der osmanischen Regierung und ließ auf dem Gelände einen Obelisken aufstellen, auf dessen Spitze eine goldene Mondsichel angebracht wurde und dessen Seiten Grabplatten mit arabischen Schriftzeichen zieren. 1921 wurde der Friedhof vergrößert. Während des Nationalsozialismus wurde das Eingangsportal 1938 abgerissen und das Gelände zugemauert. Das gesamte Gelände wurde wegen der Erweiterung des Flughafen Tempelhofs verändert. Im Jahre 2004 wurde hier, am Columbiadamm 128 in Neukölln, die heutige Sehitlik-Moschee eröffnet. Es ist eine Moschee im klassisch-osmanischen Stil. Das Hauptgebäude wurde in achteckig-kuppeltragender Pfeiler- und Stützbogenform als Stahlbaukonstruktion errichtet. Im Erdgeschoss befindet sich der Gebetsraum, die eigentliche Moschee ist im ersten Obergeschoss. Auf dem Galeriegeschoss beten in der Regel die Frauen. Begleitet wurde der Bau von einem Bauskandal, weil die beiden Minarette mit über 21 Metern ein paar Meter höher gebaut worden waren als genehmigt. Hinzu kam die Anschuldigung, dass das für die Eingangstüren verwendete Elfenbein und Schildpatt nicht auf offiziellem Weg nach Deutschland gelangt wären.

Der zweite, selbstbewusste Moscheebau ist die Umar-Ibn-Al-Khattab-Moschee in der Kreuzberger Wiener Straße 12, Ecke Skalitzer Straße. Sie wurde vom „Islamischen Verein für wohltätige Zwecke“ errichtet; der Bau wurde 2008 zumindest äußerlich vollendet, eröffnet worden ist sie dagegen erst 2010. Benannt ist sie nach dem frühislamischen Kalifen. Das siebenstöckige Gebäude in der geschlossenen Häuserfront hat eine kleine Kuppel und vier eher unauffällige, sieben Meter hohe Minarette, gekrönt von vergoldeten Halbmonden. Der Gebetssaal mit zwei Galerien fasst gut 1.000 Gläubige, beherbergt Festsäle für Feiern, eine Koranschule, ebenso Boutiquen und einen Supermarkt. Vor allem dieses Gotteshaus repräsentiert das gewachsene Selbstbewusstsein der Berliner Muslime.

Im Oktober 2008 wurde die Khaddija-Moschee in der Tiniusstraße 5 in Heinersdorf eröffnet. Sie gehört der Ahmadiyya-Moslem-Gemeinde und wurde ausschließlich von der Frauengemeinde „Lajna-Imaillah“ finanziert. Sie ist die erste Moschee im ehemaligen Ostteil Berlins, und der Bau wurde von zahlreichen Protesten der Anwohner begleitet. Die Moschee-Gegner hatten rund 200.000 Unterschriften gegen den Bau gesammelt. Sie betrachteten den Bau als ein Zeichen der „weiteren Islamisierung der Gesellschaft“ und als „weiteren Sargnagel für die freiheitlich-demokratische Grundordnung“. Vor allem die rechtsextreme Berliner NPD beteiligte sich an der „Bürgeraktion gegen Überfremdung“ und versuchte, die Angst vor einer Überfremdung zu schüren. Zeitweilig versuchte die NPD, ein „Infomobil” zu etablieren, um gegen die Moschee zu protestieren.

Die nach der Jahrtausendwende neu entstehenden Moscheen drücken zum einen das neue Selbstbewusstsein der Muslime in Deutschland aus. Vor allem drücken sie aus, dass die Muslime ihre Heimat nun hier Deutschland sehen. Nach der Tradition darf dort, wo eine Moschee steht, nur noch eine Moschee stehen. Und der muslimische Glaube ist in der Gesellschaft an die Öffentlichkeit getreten und bietet somit die Möglichkeit zur Kommunikation. Und Kommunikation ist ein wesentlicher Schritt zur Integration.

Berlin-Neukölln, Türkischer Friedhof

Berlin-Neukölln, Türkischer Friedhof

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