Industriegeschichte
Stadtnavigator Berlin.
Mehr als nur Stadtführung.

Ringbahn Beusselstraße, Moabit
Industriegeschichte gab es in Berlin natürlich schon vor der Erfindung der Dampfmaschine. An die Windmühlen in der Berliner Industriegeschichte erinnern heute noch die Müllerstraße im Wedding oder die alte Mühle in Tegel, an den Abbau von Ton der Ziegeleisee (heute Freibad Lübars), ebenso aber auch die märkischen Orte Rathenow, Rüdersdorf oder Zehdenick in der Umgebung Berlins.
Zwischen 1820 und 1830 begann die Industrialisierung Preußens und damit auch die wirkliche Industriegeschichte in Berlin. 1838 fuhr die erste Bahn von Berlin nach Potsdam, bis 1860 folgte der Ausbau der wichtigsten Bahnstrecken von und nach Berlin. 1839 fuhr der erste Pferdeomnibus in Berlin. Von nun an wuchs Berlin zum größten städtischen Industriestandort in Europa heran. Bis 1920 befanden sich zirka zehn Prozent aller Industriearbeitsplätze in Deutschland in Berlin. Berlin wurde zur viertgrößten Metropole der Welt.
Der Wohnungsbau hängt eng mit der Berliner Industriegeschichte zusammen. Die Betriebe in den Berliner Hinterhöfen sind ein wichtiger Teil der Industriegeschichte. Bereits in den 1860er Jahren wuchsen die Mietskasernen entlang des neu gebauten S-Bahnrings empor. Durch erschwingliche Fahrkarten waren die Menschen jetzt mobil, und auch die Industrie verlagerte sich nach Moabit, Schöneweide und in den Wedding: die Erste Randwanderung in der Berliner Industriegeschichte. Um 1900 schließlich wurde vor allem die Maschinenbauindustrie diesmal ganz nach JWD – nach „janz weit draußen“ – an die Peripherie Berlins verlagert. Das war die zweite Randwanderung in der Industriegeschichte Berlins. Tonangebend in dieser Episode in der Berliner Industriegeschichte war die „staatsrelevante Industrie“, wie man die Rüstungsindustrie offiziell nannte.
Die Arbeitsbedingungen in den Unternehmen und auch die Wohnsituation in Berlin waren verheerend. Auch sie sind Teil der Berliner Industriegeschichte. Übertroffen wurde alles bisher Erdenkbare während des Nationalsozialismus, als die gesamte Industrie der massiven Aufrüstung untergeordnet wurde. Nicht nur in Borsigwalde entstanden Drehscheiben für erbeutete Fabrikanlagen aus den besetzten Gebieten. Zwangsarbeiterlager entstanden überall entlang der Fabrikgelände. So genannte Fremdarbeiter wurden zuerst oft mit falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt oder gezwungen. Später wurden sogar ganze Dörfer deportiert und die Menschen als Arbeitssklaven ins Deutsche Reich verschleppt. Vor allem für die aus Osteuropa stammenden Zwangsarbeiter waren die Arbeits- und Lebensbedingungen unerträglich. Der Arbeitseinsatz zielte ab auf Ausbeutung und Vernichtung. Als diese Quelle versiegte, entstanden auch in Berlin Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen mit noch schlimmeren Bedingungen für die Menschen. Die extreme Form von Menschenverachtung ist ebenfalls Teil der Berliner Industriegeschichte. Industriegeschichte spiegelt auch immer das gängige Menschenbild wider.
Natürlich ging die Berliner Industriegeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg weiter. Zuerst wurden die Fabriken von der Roten Armee ausgeschlachtet, die meisten Produktionsmittel gingen als Reparationsleistungen in die Sowjetunion. Und von dem, was noch übrig blieb, nahmen sich dann auch die westlichen Siegermächte ihren Teil. Der Industriestandort Berlin war am Ende.
Während des „kalten“ Krieges verlagerten die großen deutschen Firmen ihre Zentralen aus der „Frontstadt Berlin“ in das sicherere West-Deutschland. Nur mit erheblichen Subventionen gelang es, Firmen im eingeschlossenen West-Berlin zu halten. Die Zigarettenfirmen zog es nun nach West-Berlin. Bis weit in die 1960er Jahre hinein produzierten noch viele nun zu volkseigenen Betrieben umgewandelte Firmen in Ost-Berlin noch immer Reparationsleistungen für die Sowjetunion. Doch auch für die DDR selbst und den gesamten damaligen Ostblock wurde in Ost-Berlin produziert. Durch die fehlende Modernisierung der DDR-Industrie waren die Betriebe zum teil schon in den 1970er Jahren hoffnungslos veraltet. Der offensichtliche Zusammenbruch vieler Fabriken in neu vereinigten Deutschland konnte schon von daher nicht verwundern. Allerdings entledigten sich westdeutsche Unternehmen mit dem Zusammenbrechen-Lassen auch der lästigen Konkurrenz.
Die Berliner Industriegeschichte ging weiter. Nach der deutschen Neuvereinigung wurde in Ost-Berlin viel abgewickelt und verspekuliert. Aus West-Berlin verschwanden die größeren Produktionsfirmen, die bisher nur durch Subventionen am Standort gehalten wurden, nun in die so genannten Billiglohnländer. Profitgier statt Verantwortung waren Stichworte aus den 1990er Jahren. Nicht zum ersten Mal schien die Industriegeschichte in Berlin zu Ende zu sein.
Berlin ist heute eine Dienstleistungsstadt. Bürohäuser schossen in den 1990er Jahren wie Pilze aus dem Boden. Viele davon stehen leer.
Die Berliner Industriegeschichte ist eine Entdeckungsreise in die Stadtgeschichte Berlins.
Industriegeschichte wird oft nur als eine extravagante, etwas exotische Facette in der Stadtführung betrachtet. Doch erst durch die Industrialisierung wurde Berlin von einer preußischen Residenzstadt zur Metropole. Über diese Geschichte wie auch über die Entwicklung Berlins zu einem der größten Standorte der Rüstungsindustrie im Deutschen Reich erfährt man an Besten durch eine Stadtführung vom Stadtnavigator.

- ehemalige Osramwerke, Wedding